Sie sind eine Arche für viele gefährdete Tiere und Pflanzen – die Wiesen im Ländle. Entstanden über mehrere Jahrtausende bilden sie eine reiche Kulturlandschaft, die es in Europa kaum woanders gibt. Doch ihr Bestand ist gefährdet, ihr Schutz eine wichtige Aufgabe. Beim diesjährigen Naturschutztag des Schwäbischen Albvereins in den Räumlichkeiten des CVJM Stuttgart sprachen Fachleute über „Artenreiche Wiesen – europäisches Naturerbe im Ländle“.
Mehr als hundert interessierte Teilnehmende erfuhren Wissenswertes über die Geschichte der Wiesen, ihre unterschiedlichen Ausprägungen, ihren Artenreichtum und ihre Bedeutung in Europa, aber auch die Herausforderungen bei der Bewirtschaftung.
Knapp 70.000 Hektar FFH-Mähwiesen gibt es in Baden-Württemberg. FFH steht für Flora-Fauna-Habitat und bezieht sich auf die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie, ein Abkommen der Europäischen Union zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wild lebenden Tiere und Pflanzen auf europäischer Ebene. Sie wurde 1992 in Kraft gesetzt und ist die erste umfassende europäische Grundlage im Arten- und Biotopschutz.
Wiesen ebenso schutzwürdig wie das Wattenmeer
FFH-Mähwiesen sind extensiv genutzte, artenreiche Heuwiesen. Sie gehören zu den artenreichsten Lebensräumen Europas. „Wir haben eine besondere Verantwortung, sie zu erhalten“, erklärte Jens Nagel von der Abteilung 7 Naturschutz im Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft. Er vergleicht diese Wiesen in ihrer Bedeutung und Schutzwürdigkeit mit dem Wattenmeer.
Im Südwesten Deutschlands dominieren magere Glatthaferwiesen. Sie sind Lebensraum für eine Vielzahl an Tierarten wie Falter, Insekten, Reptilien und Vögel sowie typische Wiesenblumen wie Margerite, Acker-Witwenblume oder Labkraut, um nur einige zu nennen. „Diese Wiesen sind Kulturlandschaften“, betonte Nagel. „Das heißt man muss sich um sie kümmern, sonst werden sie langfristig zu Wald.“
Vom Neolithikum bis in die Neuzeit – die wechselvolle Geschichte der Wiesen
Biologieprofessor Dr. Peter Poschlod von der Universität Regensburg nahm die Teilnehmenden des Naturschutztags mit auf eine Reise durch die Geschichte der Weidekultur und damit der Kulturlandschaft Wiesen. Sie entstand im Neolithikum in Anatolien und verbreitete sich von dort aus Richtung Mitteleuropa. Die ersten schriftlichen Nachweise über Wiesen stammen aus der Römerzeit. In dieser Periode kamen auch viele Arten nach Süddeutschland – oft durch das Heu, dass die Römer als Futter für ihre Pferde mitführten.
Im Mittelalter gab es vor allem rund um die Höfe Wiesen, auf denen die Tiere frei herumliefen. Äcker hingegen waren eingezäunt. In der Neuzeit entstand sogar ein neuer Beruf – Wiesenbaumeister beschäftigten sich mit der Bewirtschaftung von Wiesen, um deren Erträge zu steigern. Im 19. Jahrhundert entstanden dann große Mähwiesen. Generell, so erklärt Poschlod, habe es immer wieder Wechsel von Ackerbau zu Wiesenwirtschaft und umgekehrt gegeben.
Der Biologieprofessor plädiert deshalb dafür, sich bei der Bewirtschaftung von Wiesen mehr an der Geschichte dieser Kulturlandschaft zu orientieren. „Wiesen waren immer einem Wandel unterworfen. Es gab lange die Tradition von Wechselwiesen. Heute gibt es ein Umbruchverbot bzw. das Nichtverschlechterungsgebot. Das ignoriert die Tatsache, dass man Wiesen immer wieder nachsähen muss“, sagte Poschlod.
Unsere Referentinnen und Referenten
Jens Nagel, Prof. Dr. Peter Poschlod, Kathrin Voigt, Jasmin Weißschuh, Harald Mayer, Frederik Amann-Bräuer (v.l.n.r., zum Vergrößern bitte auf die Bilder klicken)
Auf dem Heuschober Samen zusammenfegen oder Saatgut kaufen?
Jens Nagel gibt allerdings zu bedenken, dass sich andere Tier- und Pflanzenarten einstellen, wenn man eine Wiese länger und ohne größere Störungen wie eben einen Umbruch bewirtschaftet. Er zeigt ein Merkblatt für Landwirtinnen und Landwirte aus seinem Ministerium, dass die Bedeutung der Wiesen erklärt und die richtige Bewirtschaftung erläutert, nämlich ein bis zwei Schnitte pro Jahr bei moderater Düngung und mit Abräumen des Mahdguts. Außerdem könne eine Nachsaat nötig sein. Allerdings nur mit dem richtigen, für die Gegend charakteristischen Saatgut. Da können Samen sein, die man wie früher im eigenen Heuschober zusammengefegt hat oder eben Saatgut aus dem richtigen Ursprungsgebiet von einer Saatgutfirma, wie Harald Mayer von der BRAKEMA GbR erklärte. BRAKEMA entstand aus einem Modellprojekt zur Gewinnung von artenreichem Mähwiesen-Saatgut. Heute ist die Firma zertifiziert und drischt Saatgut auf artenreichen Blumenwiesen für Privatleute und landwirtschaftliche Betriebe.
Trotz ihrer Bedeutung als wertvoller Naturraum sind die FFH-Mähwiesen in ihrem Bestand bedroht. Katrin Voigt vom Referat 56 Naturschutz und Landschaftspflege im Regierungspräsidium Tübingen zeigte eine Tabelle zu ihrem Erhaltungszustand mit einem Zeitstrahl seit 2007 – unverändert ist dieser mit der Signalfarbe rot eingefärbt. Dennoch gebe es Hoffnung, berichtete Voigt, zeigte sich doch der Gesamttrend 2025 als „sich verbessernd“ nach oben.
FFH-Mähwiesen sind in Baden-Württemberg mittlerweile ein zentraler Teil des Biotopverbunds. Sie sind nicht nur essenziell für die Artenvielfalt, sondern nach den Mooren auch effektive CO2-Speicher. Und es sind wichtige landwirtschaftliche Flächen. 87,5 Prozent werden laut Voigt bewirtschaftet. Das sei eine gute Nachricht, sagte sie, denn 70.000 Hektar Fläche seien zu groß, als dass der Naturschutz sie alleine bewahren könnte. „Die Landwirtschaft muss hier mit ins Boot.“ Wiesen könnten zudem der Schlüssel sein für eine klimaresistentere Landwirtschaft, da sie widerstandsfähiger seien. Die Landwirte sollten sie also auch in ihrem eigenen Interesse bewirtschaften.
Wiesenschutz durch extensive landwirtschaftliche Nutzung
Das tut Bauersfamilie Weißschuh aus Sachsenheim, die einen Milchviehbetrieb im Kirbachtal betreibt. „Mähwiesen verschwinden nicht, weil Bauern keine Lust darauf haben“, betonte Jasmin Weißschuh. „Sie sind einfach nicht so wirtschaftlich.“ Und der wirtschaftliche Druck auf die Bauern sei enorm. Viele geben auf. Tierhaltende Betriebe werden weniger. Damit gehe eine Vielfalt an Wirtschaftsweisen und Wissen verloren. Viele Bauernfamilien hätten Angst davor, dass sich auf ihren Flächen etwas Schützenswertes finden, weil sie dann Einschränkungen befürchteten. „Eigentlich müsste man die Menschen motivieren, naturnah zu wirtschaften und sie dafür zu belohnen“, erklärte Weißschuh. Sie plädierte für weniger Bürokratie bei der Beantragung von Fördergeldern und eine faire Honorierung, die auch die Biodiversitätsleistung und die Mehrkosten berücksichtigt, die eine extensive Wirtschaftsweise bedeutet.
„Wie viel Wildnis wollen wir zulassen?“
Wildnispädagoge Frederik Amann-Bräuer sprach zum Ende der Veranstaltung über die Schönheit von Wiesen und ihre entspannende Wirkung auf uns Menschen. Er fragte: „Wie viel Wildnis wollen wir zulassen?“ und plädierte dafür, mehr rauszugehen und die Natur einfach wahrzunehmen. In diesem Zusammenhang erläuterte er noch verschiedene pädagogische Möglichkeiten mit Kindern die Natur zu erleben.
Die Wiesen des Schwäbischen Albvereins
Im gesamten Vereinsgebiet besitzt der Schwäbische Albverein knapp 100 Hektar Wiesen. Insgesamt gehören dem anerkannter Naturschutzverband knapp 170 Hektar Naturschutzflächen. Fünf Wiesenflächen des Vereins sind Teil des Projekts „Archewiesen“. Sie werden als Spenderflächen für die Samenernte genutzt. Sieben weitere Grundstücke werden noch auf ihre Eignung geprüft.
Moderiert wurde der Naturschutztag in diesem Jahr von Albvereins-Vizepräsident Thomas Keck. Er dankte allen Teilnehmenden für die angeregten Diskussionen und Rückfragen sowie für ihre ehrenamtlichen Einsatz für den Natur- und Artenschutz.






























