Festrede zum Festakt 125 Jahre Schwäbischer Albverein

Thema 125 Jahre Schwäbischer Albverein Artikel 2 von 4

Prof. Dr. Werner Mezger hielt am 4. Mai 2013 die Festrede »125 Jahre Schwäbischer Albverein«. Sie wurde von ihm zur Verfügung gestellt, die Redeform wurde beibehalten.
Sie können die Rede hier als pdf herunterladen.

Sehr verehrter Herr Ministerpräsident,

sehr verehrter Herr Präsident Dr. Rauchfuß,

sehr verehrte Vertreterinnen und Vertreter des öffentlichen Lebens,

sehr verehrte Ehrengäste,

meine sehr verehrten Damen und Herren.

Die wirklich wichtigen Reden des heutigen Tages sind bereits gehalten worden. Mit Spannung erwartet man die Ansprachen der Politiker. Ihr Kommen – das Ihrige, Herr Ministerpräsident, ganz besonders – ist eine hohe Ehre. Ihr Wort hat Gewicht. Bei Ihnen hört man genau zu, was Sie sagen, wie Sie es sagen, was Sie nicht sagen und was Sie eventuell zwischen den Zeilen sagen. Und über allem schwebt natürlich immer die Frage: Hat er etwas mitgebracht? Ein Versprechen, eine Vision oder am besten gleich einen Scheck? Nicht minder gewichtig die Ausführungen des Vereinspräsidenten wie auch die Grußworte all jener Akteure, die Verantwortung tragen. Sie stehen in der Praxis. Sie haben vieles bewegt und werden noch vieles bewegen. Ihnen ist die Aufmerksamkeit sicher.

Und dann kommt, wenn die Spannung sich längst gelegt hat, eben auch noch der Festredner. Er gehört irgendwie unvermeidlich zum Ritual eines Jubiläums. Er hat nichts zu verteilen, keine Möglichkeit des aktiven Eingreifens – ihm bleibt allein das Wort. Mehr nicht. Der routinierte Festredner weiß, dass er offiziell unverzichtbar, inoffiziell aber absolut entbehrlich ist, dass er an den Anfang seiner Ausführungen eine breite Würdigung zu stellen hat, danach ein möglichst imposantes Zahlenwerk aus Daten, Fakten und Stationen entwickeln muss und dass es ihm am Ende der Laudatio obliegt, in eine wortreiche Gratulation einzumünden, verbunden mit den besten Wünschen für die Zukunft. Dies sind die rhetorischen Standards, die erwartet werden und als schicklich gelten, zumindest wenn man dem gängigen Schema folgt.

1.

Aber genau das möchte ich nicht tun. Statt der üblichen Höflichkeiten und Verherrlichungen will ich lieber ein paar Denkanstöße geben, will mit dem heutigen Jubilar, dem Schwäbischen Albverein, den Fokus weniger auf die Vergangenheit als auf die Gegenwart und die Zukunft richten. Aber ein Ausblick geht natürlich nie ganz ohne Rückblick. Und diesen eröffne ich mit der Feststellung: Die größte Leistung des Schwäbischen Albvereins war die Erfindung der Schwäbischen Alb.

Nein, das ist kein Hörfehler. Die Schwäbische Alb musste erst erfunden werden. Sie war und ist nämlich nicht einfach eine Realität, sondern sie beruht auf Bildern, die wir uns von ihr machen. Und solche Bilder in den Köpfen wiederum sind das Ergebnis von jeweils zeittypischen Sichtweisen.

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Beispiel war die Vorstellung von der Alb noch gar nicht positiv. So heißt es etwa in Johann-Heinrich Zedlers Universallexikon von 1732  ff. (Bd. 1, Sp. 920): „Alb […] ist ein rauher und Bergigter Strich Landes in Schwaben, wovon das meiste dem Hertzogthum Würtenberg gehöret, und sich von Reutlingen, Urach und Kirchheim gegen die Donau hin erstrecket […] hat Mangel an Wasser.“ Keinen guten Faden lässt das Lexikon also an der Alb, und ihre Ausdehnung über runde 200 Kilometer von Tuttlingen bis Nördlingen wird auch noch nicht gesehen, vom Blick für Naturschönheiten ganz zu schweigen. Das kommt erst später.

Ab 1775 etwa. Da beginnt sich ganz allmählich die Natur- und Landschaftswahrnehmung zu ändern. Jean Jacques Rousseau mit seiner Maxime „retour à la nature“ spielt hier ebenso eine Rolle wie Goethes in seinen Schweizer Reisetagebüchern entwickelte Sicht der Alpen, die nun plötzlich nicht mehr die „montes horribiles“, die schrecklichen Berge sind, sondern ein tiefes Erlebnis, ein Sinnbild für die Allmacht der Schöpfung.

Bald darauf werden in der Malerei Landschaftsbilder ein Thema: Schneeberge wie der Watzmann, der Staubbach-Wasserfall im Berner Oberland, die burgengekrönten Steilfelsen des Mittelrheintals. Das eröffnet auch eine neue Perspektive auf die Alb. Plötzlich ist sie nicht mehr nur der Ungunstraum mit der rauen Hochfläche ohne Wasser, sondern ihre Schönheiten werden entdeckt. Insbesondere der Albtrauf in der Gegend von Reutlingen gerät ins Blickfeld und erlebt einen regelrechten Popularitätsschub.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wächst auf der Reutlinger Alb das Interesse an den Höhlen. Die Nebelhöhle, wohl schon seit dem 15. Jahrhunderts bekannt, wird 1803 von Kurfürst Friedrich I. besucht und mit 1000 Kerzen festlich illuminiert. An zusätzlicher Faszination gewinnt sie nach 1826 durch Wilhelm Hauffs Roman „Lichtenstein“, der schildert, wie sich einst Herzog Ulrich im „Nebelloch“ versteckt haben soll. 1834 dann die Entdeckung der Bärenhöhle – die berühmte Geschichte mit der in die Tiefe gefallenen Tabaksdose des Erpfinger Lehrers Fauth. Schließlich der Lichtenstein-Mythos. Beflügelt durch den Hauff’schen Roman wird das bescheidene Forsthaus, das von der einstigen Burg auf dem Felsen über Honau noch übrig war, 1836 abgerissen, um dem 1840 bis1842 nach Plänen von Carl-Alexander von Heideloff errichteten, historistischen Märchenschlösschen Platz zu machen – inzwischen Ikone der Alblandschaft: Romantik pur.

Aber die Romantik war alles andere als verträumt. Sie war hochpolitisch. Nach dem Zerfall des heiligen Römischen Reiches waren ihre Vertreter, allen voran die Brüder Grimm, auf der Suche nach einer neuen nationalen Identität. Sie wirkten entscheidend mit an dem Prozess, den Historiker heute als nationbuilding bezeichnen. Vertreter des Bildungsbürgertums nahmen das Schicksal der Nation jetzt in die Hand. Sie organisierten sich, modellierten ihren eigenen Kulturbegriff und setzten auf die kreative Kraft der „Volksseele“, wie sie Johann-Gottfried Herder beschrieben hatte. Mit der Entdeckung der Denkmäler der Nationalliteratur entstanden die literarischen Vereine, mit dem Interesse am Volkslied die Gesangvereine und Liedertafeln und endlich, ab den 1860er-Jahren, die so genannten Verschönerungsvereine.

Diese waren eine Antwort auf die zunehmende Industrialisierung, die immer mehr bäuerliche Idyllen und lauschige Orte verschwinden ließ. So ist es kein Zufall, dass gerade zwischen Reutlingen und Esslingen die Verschönerungsvereine besonders aktiv waren. Esslingen, wozu auch Plochingen gehörte, erlebte im 19. Jahrhundert, einsetzend bereits um 1830, den stärksten Industrialisierungsschub in ganz Württemberg. Und genau da, in den Transformationsprozessen der Industrialisierung, beginnt auch die Geschichte des Arztes Dr. Valentin Salzmann, der zum Vater des Albvereins werden sollte. 1867 hatte er den Verschönerungsverein Esslingen gegründet. Gut zwei Jahrzehnte später, am 13. August 1888, arrangierte er ein Treffen von Gleichgesinnten in Plochingen, dessen Ziel es eigentlich war, die Arbeit der Verschönerungsvereine zu optimieren.

Bei dieser Zusammenkunft aber ging Salzmann noch einen Schritt weiter. In überlokalen Kategorien denkend und mit Blick auf den bereits bestehenden Schwarzwaldverein stellte er seine Idee eines Albvereins vor. Das versammelte Gremium, zwölf Männer aus verschiedenen Verschönerungsvereinen, war davon angetan. Am 12. November 1888 fand dann in noch größerer Runde, nämlich in Anwesenheit der Vertreter von 18 Verschönerungsvereinen, wiederum in Plochingen die Gründungsversammlung des Schwäbischen Albvereins statt. Die Vision war, den gesamten Albtrauf vom Ipf bis zum Heuberg in den Blick zu nehmen und damit die Aufgaben der örtlichen Verschönerungsvereine geographisch wie auch inhaltlich zu erweitern. Einen ganz zentralen Stellenwert hatte dabei der Gedanke der Erschließung des Gebiets durch Wandern.

Und eben das war der Beginn der „Erfindung“ der Schwäbischen Alb: die Bewusstmachung eines einzigartigen Landschafts- und Kulturraums. Eines Gebiets, das nun, der geologischen Formation folgend, weit über den einstigen Vorzeigekern der Reutlinger Alb hinausgriff. Vor allem kam jetzt auch die Hochfläche in den Blick: Ein wirtschaftlicher Ungunstraum mit ständiger Wasserknappheit, kargen Lebensbedingungen und großer Armut wurde plötzlich zumindest in der Außenperspektive liebevoll als etwas Besonderes entdeckt. Und dazu gehörte von Anfang an die ganzheitliche Sicht – nicht nur die Perspektive auf die landschaftlichen Reize, sondern auch auf die Lebensentwürfe von Menschen, welche die Not erfinderisch gemacht hatte. Die Bewunderung für kluge Köpfe, weit über Philipp Matthäus Hahn hinaus. Und natürlich die Sympathie für Originale mit Eigenheiten, Kanten und markanter Mundart. Es war keineswegs nur spröde Distanzierung, sondern eher augenzwinkernde Solidarität, wenn man drunten im Tal diejenigen von der Hochfläche imitatorisch mit rollendem Zungen-„R“ als eine der drei größten Landplagen apostrophierte: „Lepra, Cholera, vu dr Alb ra“.

Dabei gibt es den Älbler als generalisierbaren Typus eigentlich gar nicht. Vielmehr bilden die Albbewohner, die dort seit Generationen leben, unzählige kleine Solidar- und Schicksalsgemeinschaften, von denen jede ein bisschen anders ist. Das Spektrum menschlicher Möglichkeiten reicht von den urbanen Kosmopoliten im Umland von Ulm bis hin etwa zu den verschmitzt herben Charakteren im Killertal zwischen Schlatt und Burladingen. Als Hausierhändler mit selbst gemachten Bürsten, Körben und Peitschen im Angebot, hat sich einst ein Großteil der Killertäler durchs Leben geschlagen, weshalb viele dort noch heute eine Geheimsprache, eine Art Rotwelsch beherrschen, das sogenannte „Pleißne“. Der Fremde versteht nichts davon, wenn sich zwei ältere Killertäler in dieser Sonderform des Schwäbischen verständigen, und er merkt erst recht nicht, dass es um ihn selber geht, wenn die beiden zueinander sagen: „S’ischt a Kachel z’viel im Ofe, pleißnet, dass des Pinkle koan Watze a’stubt.“ Heute handelt im Killertal niemand mehr mit Peitschen, nur noch ein Museum erinnert an die Zeiten der Wanderhändler. Nicht wenige von ihnen sind inzwischen erfolgreiche mittelständische Unternehmer mit eigenem Fabrikle. Die besonders Armen erwiesen sich oft als die Pfiffigsten. Auch das gehört untrennbar zum Bild der Schwäbischen Alb.

Der Albverein ist von Anfang an all dem im umfassenden Sinne interessiert. Natur- und Heimatkundler, die ihm angehören, stellen ihr Wissen der Gemeinschaft zur Verfügung und veröffentlichen Texte. Schon kurz nach der Gründung des Vereins erscheint erstmals sein Periodikum, das bis heute existiert: die fast schon legendären „Blätter des Schwäbischen Albvereins“. Sie liefern die Erklärungen zur Landschaft und die Erzählungen zu ihren Bewohnern, modern ausgedrückt: Sie produzieren die Narrative. Der Verein wächst rasant. Um 1900 beträgt die Mitgliederzahl schon fast 24.000, vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs sind es rund 40.000 in 650 Ortsgruppen. Eine ungeheure Erfolgsgeschichte.

Der Verein stellt vieles auf die Beine, und er ermuntert vor allem zum Gebrauch der Beine, indem er ein einzigartiges Wanderwegenetz entwickelt. Er erschließt neue Erfahrungsräume, vermittelt Einsichten und schafft Aussichten – letzteres durch den Bau von Türmen. 29 sind es heute. Der erste Aussichtsturm des Vereins entsteht 1896. Der zweite, der Lembergturm auf dem mit 1015 Metern höchsten Berg der schwäbischen Alb, im Jahr 1899. Er hat mich schon als Kind fasziniert: eine Eisenkonstruktion, elegant geschwungen und sich nach oben verjüngend. Das kam nicht von ungefähr: Zehn Jahre vorher war in Paris der Eiffelturm entstanden. Auf der Alb steht die Volksausgabe davon, unverkennbar.

Inzwischen hat der Verein seinen geographischen Aktionsbereich weit über den Kernraum der Schwäbischen Alb hinaus ausgedehnt: nach Norden und Nordosten bis in den Taubergrund und südlich über Oberschwaben bis an den Bodensee. Das ist ein riesiges Gebiet. Die drei großen inhaltlichen Säulen sind Wandern, Heimat und Natur, ergänzt durch viele weitere Facetten, natürlich auch Kultur. Und besonders wichtig dabei ist der Schutzgedanke – im Landschafts- und Naturschutz ebenso wie im Denkmalschutz. In die Würdigung der großen Namen will ich hier gar nicht eintreten: Nägele, Fahrbach, Schönamsgruber, Stoll, Rauchfuß und viele mehr. Deutlich machen aber möchte ich in meiner Geschichte der Freundlichkeiten doch noch, dass der Albverein, wenn Natur und Umwelt bedroht sind, seine Harmonielinie durchaus auch einmal verlassen und streiten kann. Dass etwa der Schönbuch und der Schurwald heute noch als ungestörte Räume erhalten sind und nicht irrsinnigen Flugplatzplänen geopfert wurden, ist wesentlich auch der massiven Intervention des Albvereins zu verdanken. 125 erfolgreiche Jahre also, eine rundum imponierende Geschichte und eine stolze Bilanz. Mit rund 110.000 Mitgliedern und 571 Ortsvereinen ist der Schwäbische Albverein heute der größte Wanderverein Europas.

2.

Von der Vergangenheit wenden wir den Blick nun in die Zukunft. Wie soll es weiter gehen? Die Welt von heute ist nicht mehr die Welt von gestern. Und wie die Welt von morgen aussehen wird, zeichnet sich erst langsam ab. Die großen Schlagworte unserer Gegenwart sind Globalisierung, Mobilität, Migration, Transformationsprozesse der fortgeschrittenen Moderne.

Um den heutigen Standort und die künftige Rolle des Albvereins ein wenig einschätzen zu können, schiebe ich ein paar theoretische Überlegungen ein, die Sie mir bitte nachsehen. In der europäischen Ethnologie, die ich an der Universität Freiburg vertrete, verwenden wir gerne das Modell von den drei großen Kulturdimensionen. Die erste dieser drei Kulturdimensionen ist die Zeit, die zweite der Raum, die dritte die Gesellschaft. Jedes Kulturphänomen wird bestimmt durch diese drei Dimensionen, durch Zeit, Raum und Gesellschaft. Wozu nun diese trockene Theorie? Weil man mit Hilfe der drei Kulturdimensionen manches klarer sehen und auch zeigen kann, welche Umbrüche wir gerade erleben.

Beginnen wir mit der Dimension Zeit: Zeit ist eine physikalisch messbare Größe, und die Zeit auf unserer Erde verläuft seit Jahrmillionen gleich. Nur – gefühlsmäßig nehmen wir heute Zeit als etwas wahr, was unsere Vorfahren noch hatten, was uns aber chronisch fehlt. „Tut mir leid, ich habe keine Zeit“, „mir läuft die Zeit davon“, „Zeit ist Geld“, „der Zeitdruck macht mich krank“, „immer diese Zeitpeitsche“ – das sind Formulierungen, die wir tagtäglich hören oder selber gebrauchen. Dabei ist eines besonders grotesk: Noch nie stand dem Menschen objektiv so viel Zeit zur Verfügung wie heute, denn noch nie war die Lebenserwartung so hoch wie in unseren Tagen. Und noch nie glaubten die Menschen subjektiv so wenig Zeit zu haben wie heute. Dieses Unverhältnis zur Zeit, die wir übrigens inzwischen mit unglaublicher Exaktheit messen können, ist typisch für alle westlichen Industriegesellschaften.

Wie grotesk die Situation ist, in der wir uns da befinden, entlarvt sehr schön eine Geschichte aus dem europäisch-afrikanischen Kulturvergleich – se non è vero è ben trovato: Ein Europäer führt einem Afrikaner voller Stolz seine neue Funkuhr vor, ein Hightech-Produkt, das an Präzision nicht mehr zu übertreffen ist. Der Afrikaner schaut sich das Wunder der Technik in Ruhe an und resümiert dann lächelnd: „Ja, so ungleich ist die Welt: Ihr habt die Uhr, aber wir haben die Zeit“.

Typisch für die Kultur der westlichen Industrienationen ist, dass unsere Vorfahren die Zeit noch zyklisch erfahren haben, als ein Kreisen um sich und Münden in sich selbst, während sie für uns ein linearer Prozess ist, der unumkehrbar in eine Richtung verläuft und irgendwo an die Grenze unseres eigenen Todes stößt. Und vor allem – für uns hat die Zeit völlig ihre Rhythmen verloren. Wir machen die Nacht zum Tage, wir vermischen Arbeit und Freizeit, wir tun mehrere Dinge gleichzeitig und machen alles immer schneller. Oft steht am Ende der Herzinfarkt, der genau besehen nichts anderes ist als ein Zeitinfarkt. Gesellschaften ohne unseren Zeitdruck kennen dieses Phänomen nicht.

Ich komme zur zweiten unserer drei Kulturdimensionen: zum Raum. Da gibt es zunächst eine ganz einfache Feststellung. Die Welt ist kleiner geworden. Analog zur Zeit, die scheinbar immer schneller läuft, schrumpft die Welt. Mit hohen Geschwindigkeiten, wie sie sich unsere Vorfahren nicht einmal hätten träumen lassen, legen wir große Distanzen zurück, eilen von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent und verlieren darüber völlig das natürliche Gefühl für Räume und Weiten. Und noch etwas: Die Art und Weise, wie wir uns heute im Raum orientieren, wie wir uns Räume aneignen, hat sich revolutionär verändert. Im Zeitalter von GPS und Navigationsgeräten wählen wir unsere Wege nicht mehr selbst, sondern lassen uns führen. Statt selber zu suchen und zu finden, lassen wir uns bequem gängeln und folgen blindlings wie die Lemminge elektronischen Systemen. Eng verwandt mit GPS, mit dem satellitengestützten Global Positioning System, sind die virtuellen Globen. Mit Errungenschaften wie Google Maps, Google Earth und Virtual Earth können wir uns jeden Ort, jede Straße, jeden Hinterhof dieser Welt per Satellitenfoto in Sekundenschnelle auf den eigenen Bildschirm holen. Das ist faszinierend und ernüchternd zugleich. Die Schrumpfung der Welt hat den Globus zu einer Art Dorf werden lassen. Ereignisse, die viele tausend Kilometer entfernt geschehen, verfolgen wir in unserer Wohnstube; und sie ängstigen uns, weil wir wissen, dass sie unmittelbare Auswirkungen auf jeden von uns haben.

Je kleiner die Welt wird, durch Verkehrsmittel, durch transkontinental agierende Konzerne, durch die Massenmedien, durchs Internet – desto mehr Schaden nimmt die kulturelle Vielfalt. Hamburger und Cheeseburger gibt es inzwischen überall, während immer mehr regionale und lokale Eigenheiten verloren gehen und den Prozess beschleunigen, den wir in der Forschung als „McDonaldisierung der Welt“ bezeichnen.

Bleibt noch die letzte unserer drei Dimensionen: Gesellschaft. Sie ist heute mobiler, offener, vielfältiger, vor allem fremder geworden als früher. Längst gilt auch schon für die kleinsten Dörfer, dass nicht mehr jeder jeden kennt. Die Mobilität würfelt uns durcheinander, und der Zustrom von Migranten zwingt uns zur Begegnung mit anderen Kulturen, ob wir wollen oder nicht. Auch das verunsichert uns, und viel wäre noch darüber zu berichten.

Hat in einer so veränderten Welt, muss man fragen, der Schwäbische Albverein überhaupt noch Zukunft, ist er nicht hoffnungslos überholt, früher oder später zum Untergang verurteilt? Ich sage: Nein. Ich sage sogar: Ganz im Gegenteil, denn gerade die rasanten Veränderungen der Zeit erfordern Antworten. Und eine davon ist – hiervon bin ich überzeugt – der Schwäbische Albverein.

Machen wir’s wieder systematisch und beginnen wir mit der Kulturdimension Zeit: Angesichts der Auflösung aller Ordnungen, des Verlusts aller Rhythmen haben die Menschen heute einen stillen Wunsch: die Wiedergewinnung eines Restes von Zyklizität. Das erklärt zum Beispiel die heutige Freude an Festen und Bräuchen, den Boom traditionellen Feierns. Das „Alle Jahre wieder“ des Weihnachtslieds ist nämlich mehr als nur eine Platitüde, es ist ein Wert an sich. – Der Albverein fördert dieses Bewusstsein auf seine Weise, zum Beispiel in der Kulturarbeit durch die Erinnerung an alte Jahreslaufbräuche, und er öffnet den Menschen durch seine Hilfe bei der Naturwahrnehmung die Augen für den Wechsel der Jahreszeiten und Vegetationszyklen. Er zeigt uns, was viele heute gar nicht mehr sehen – eine hoch verdienstvolle Leistung.

Nehmen wir die zweite Dimension: den Raum. Auch in diesem Kontext fällt dem Schwäbischen Albverein eine wichtige Rolle zu. Er steht inmitten von Globalisierung und Gleichmacherei noch immer für lokale Besonderheit. Er ist so etwas wie eine Bastion gegen die kulturelle Einebnung der Welt. Als gewichtige Bildungsagentur, so darf man ihn wohl nennen, macht er den Menschen die Spezifik und Einzigartigkeit der Landschaft bewusst, in der sie leben. Er stiftet Identität, generiert Heimat und sorgt für Verortung. Und er verkörpert inzwischen, wie wir wissen, eben nicht nur die Schwäbische Alb, sondern viel mehr – zusammen mit dem Schwarzwaldverein sogar den ganzen deutschen Südwesten in seinem Formenreichtum, seiner Unverwechselbarkeit und Vielfalt.

Und nehmen wir zum Schluss die Dimension Gesellschaft: Die Auflösung der gemeinsamen sozialen Horizonte zwingt zur Suche nach neuen Formen guten Zusammenlebens und nach Wegen des sich Kennenlernens. Vereine haben hier besondere Möglichkeiten, Fremde zu integrieren – allen voran die Jugendabteilungen der Sportvereine. Aber auch der Albverein fühlt sich hier in der Pflicht. Die Einbeziehung von Fremden, vor allem von Kindern aus Migrantenfamilien, ist für ihn längst ein Thema – nachzulesen in der Festschrift, wenn auch die Umsetzung manchmal schwierig ist. Und das ganz große Pfund, mit dem der Albverein wuchern kann, ist nicht zuletzt das hohe Maß an Bildungsgerechtigkeit, das er verkörpert. Seine Angebote richten sich buchstäblich an alle. Jeder kann mitmachen: Einheimische, Zugezogene, ohne soziale Barrieren, Schichten überquerend. Das zeichnet auch seine vorbildliche Jugendarbeit aus. Man könnte sogar, wenn die Jugendgruppen erst einmal bunt genug sind, die Begegnung des Eigenen mit dem Fremden selbst zum Thema machen. Der interkulturelle Blick auf kulturelles Erbe lohnt immer und bereichert. Der Albverein ist dafür gerüstet. – Soweit unsere kleine Systematik zu den drei Kulturdimensionen Zeit, Raum und Gesellschaft.

3.

Zum Schluss noch einige ganz praktische Probleme der Gegenwart,  die in der Arbeit und den Zielsetzungen des Schwäbischen Albvereins zwangläufig auch Herausforderungen für die Zukunft sind: Eine der zentralen Veränderungen gegenüber früher, die es dem Albverein, ja die es jedem Verein schwer machen, ist die heutige Individualisierung der Gesellschaft. Dass man, wie es der Name „Verein“ eigentlich vorgibt, etwas mit „vereinten“ Kräften tut, ist nicht mehr die Regel, es ist die Ausnahme geworden. Heute triumphiert der Einzelne, nicht mehr die Gemeinschaft. Der Gemeinsinn, von dem der Schwäbische Albverein immer profitiert hat, wird vom Eigensinn verdrängt. Und diese Egoismen führen zur Pluralisierung der Sichtweisen. Sie lassen gemeinsame Bilder, auch den Konsens über Landschaften zerbrechen. Es kommt es zur Fragmentierung von vormals geschlossenen Landschaftsbildern. Die Alb bleibt davon nicht verschont. Ihr einstiges Gesamtbild zerbröckelt in viele Einzelfacetten.

Hinzu kommt das veränderte Freizeitverhalten – die Abkehr von der lang geplanten gemeinsamen Unternehmung, eben vom Gruppen-Wandern, und die Hinwendung zum schnell per Internet oder Smartphone eingefädelten individuellen Spontanentscheid. Oft verbindet sich damit der Schritt zur Erlebnis- und Eventkultur, bei der es nur noch Konsumenten gibt.

So ist denn auch die Landschaft für viele nichts mehr, wofür man Verantwortung übernehmen, was man gemeinsam pflegen muss. Für einen wachsenden Teil unserer Zeitgenossen ist die Natur längst kein Bild mehr für Harmonie und Schönheit der Schöpfung, sondern nur noch eine Ressource, die man eben nutzt. Die modernen Trendsportarten degradieren die Landschaft gar zum bloßen Sportgerät: Beim Gleitschirmfliegen zum Beispiel – neudeutsch: Paragliding – verliert der Albtrauf seinen Zauber. Man bedient sich des Steilabfalls nur noch, weil man von dort, indem gegebenenfalls noch ein paar Bäume niedergemacht werden, gut starten kann und Thermik hat. Noch drastischer beim Mountainbiking – ohnedies ein paranoider Unsinn, weil man hier genau dort Fahrrad fährt, wo es jeder Vernunft widerspricht. Es ist das sportliche „Trotzdem“. In bewusster Opposition zur Natur sucht man Extremrouten über Stock und Stein, die eigentlich nicht befahrbar sind, oder man funktioniert Wanderwege um und ruiniert sie. Beim Free Climbing richtet man den Tunnelblick auf die Felsen im Donautal ohne Rücksicht auf Verluste. River Rafting erledigt sich bei uns zum Glück von selbst, weil – der Wasserarmut sei Dank – die Flüsse sind nicht reißend genug sind. Dafür wird der Bodensee von PS-starken Motorbootrasern heimgesucht – verheerend, auch wenn sie 300 Meter vom Ufer entfernt blieben müssen. Und endlich noch das Letzte: Geocaching – Schnitzeljagd mit GPS und querfeldein-Spielchen mit digitaler Technik. Ein Verzicht auf jedes natürliche Orientierungsvermögen, eine Schmuseaffäre mit der digitalen Demenz nach der Devise: Ich weiß nicht wohin, aber mein Navi sagt mir, wo es lang geht. Als ob wir nicht schon desorientiert genug wären. Und dann trampelt man kreuz und quer die Natur nieder, nur um irgendeine versteckte oder versenkte Box mit einem Unsinnsinhalt zu finden.

All das macht es dem Albverein nicht leichter. Auch der „Wildwuchs“ der Wanderwege durch Aktionen einzelner Gemeinden und Initiativen von Tourismusverbänden, oft in verwirrender Überlagerung des seit 125 Jahren bewährten Albvereins-Wegesystems, entspricht nicht den Intentionen des Vereins, zumal die neuen Wege häufig ohne jede Nachhaltigkeit angelegt sind.

Endlich noch ein Kapitel für sich: die Schule – konkret das Verkommen der Wandertage. Früher war klar: Ein Wandertag bedeutet Ausflug mit Wandern. Eine wichtige Erfahrung. Natürlich haben auch schon wir früher als Schüler die Devise verbreitet: kleine Wanderung, große Wirtschaft. Zum Glück war es dann meistens umgekehrt. Aber heute wird aufs Wandern häufig ganz verzichtet. Wandern ist uncool. Cool ist eine Busreise mit Komplettangebot, am besten in einen Freizeitpark. Mit anderen Worten: Was für die Senioren die Kaffeefahrt, das ist heute für viele Schüler der Wandertag. Man wird herumkutschiert und lässt sich irgendetwas bieten. Das ist die moderne Erlebnisgesellschaft, wie sie Gerhard Schulze beschrieben hat.

Ich bleibe noch bei der Schule. Früher gab es ein Fach, das hieß „Heimatkunde“. Dort haben wir viel gelernt. Nach 1968 wurde Heimat verdächtig, also hieß das Fach dann „Sachkunde“. Das war aber bald auch nicht mehr systemkonform. Darum heißt es heute „MENUK“ – Mensch, Natur, Umwelt, Kultur. Ein vernünftiger Ansatz zwar, aber eine völlig umnachtete Abkürzung, an den Albverein so jedenfalls schwer anschlussfähig.

Schließlich diejenigen, die Schule gestalten: die Lehrer. Ich war früher selber einer, der Herr Ministerpräsident auch. Und um es gleich vorweg zu sagen: Die allermeisten Lehrer leben für ihren Beruf und leisten weit mehr als sie müssten. Aber es gibt auch Wahrnehmungen von Schule, die zu denken geben. Ein Beispiel meiner Tochter aus der Grundschule, Klasse 3: Eine Stunde muss vertreten werden. Es kommt ein Lehrer und spielt mit den Schülern „Stadt – Land – Fluss“. Irgendwann wird der Buchstabe B gezogen. Stadt, kein Problem: Berlin. Land, auch einfach: Belgien. Mit Flüssen allerdings wird es bei B ein bisschen eng. Meine Tochter überlegt, schließlich schreibt sie: „Blau“. Bei der Ergebniskontrolle sagt der Lehrer: „Blau gibt’s nicht, das ist kein Fluss.“ Meine Tochter insistiert, die Blau gebe es wirklich. Zufällig klopft da gerade ein zweiter Lehrer an der Tür, um den Vertretungsplan weiter zu organisieren. Der rätselnde Kollege fragt auch ihn, ob es einen Fluss namens Blau gebe. „Nein,“ sagt der andere, „gibt’s nicht“. Er ist übrigens evangelischer Theologe, aber offenbar ohne jede Ahnung von Blaubeuren und seinem evangelischen Seminar, geschweige denn vom Blautopf oder gar seiner literarischen Verarbeitung durch Eduard Mörike. Zwei Pädagogen: ein Duett dumpfer Unwissenheit. Aber es geht noch weiter: Statt vielleicht doch mal nachzusehen, eventuell per Smartphone, wie sich das mit einem Gewässer namens Blau verhält, kommt just vom Theologen die Frage an meine Tochter: „Wer behauptet denn, dass Blau ein Fluss sei?“ Antwort: „Mein Papa“. Darauf der Lehrer: „So, und bist du Dir da ganz sicher, dass Dein Papa nicht lügt?“ Da ballen sich fachliche Souveränität, pädagogisches Geschick und Sozialkompetenz. Also: Der „Lehrer light“, wie er von der momentanen Schulpolitik angestrebt wird, braucht gar nicht erst geschaffen zu werden. Einige Prototypen davon gibt es schon. Und wenn die in Serie gehen – dann Gnade uns Gott. Es wäre also sicher nicht von Nachteil, wenn auch in der künftigen Lehrerbildung erst einmal solide wissenschaftliche Grundlagen geschaffen würden und diese nicht der Zeitvergeudung mit irgendwelchen pädagogischen Pirouetten zum Opfer fielen.

Dass der Albverein hier seinerseits den Kontakt mit den Schulen sucht, dass er sich auch sonst öffentlich zu Wort meldet, wo es ihm nötig scheint, ist gut. Er hat Erfahrung in der Vermittlung von Heimat und der Schaffung von Identität; denn Heimat und Identität sind heute wichtiger denn je. Seine Stimme dürfte der Verein übrigens ruhig auch mal in Richtung Fernsehen erheben. Da wurden zur Vermittlung von Heimat durchaus gute Formate entwickelt wie etwa „Fahr mal hin“. Im Jugendwahn der Quotenmedien entstand aber auch für den Freitagabend die Erkundungssendung „Hin @ weg“. Jawohl „hin“, digitaler Klammeraffe „@“ und „weg“. Zum Glück ist das Experiment inzwischen Geschichte. Heute heißt das Format: „Expedition in die Heimat“ – Expeditionen muss man inzwischen also machen, um in die Heimat zu kommen. Der Heimatbegriff der Medien ist ohnedies „very spezial“. Vor Jahren schon gab es eine Klausurtagung hochkarätiger programmverantwortlicher Fernsehleute im Schwarzwald zum Thema „Heimat“. Am Ende wurde dann die Formel geboren: „Heimat ist Nähe“. Das muss erst mal gesagt werden. Und dazu dann noch der flotte Taxifahrer-Spruch im Werbespot für SWR 3 „Wo du wolle?“ In die Heimat vermutlich.

Auch hier braucht man Gegengewichte: Oasen der Vernunft in der Wüste des Schwachsinns. Der Albverein – mit allem Respekt – ist eine solche Oase. Und er ist auf die Zukunft gut vorbereitet. Alle wichtigen Zukunftsthemen sind, weit über den Tag hinausblickend, im Schlusskapitel der sehr schönen Festschrift bereits angesprochen. Auch an sich selbst stellt der Verein dort kritische Fragen – bis hin zu der öffentlichen Überlegung, ob man Gebietseinteilungen in Gaue oder Ämterbezeichnungen, die mit -wart enden, künftig nicht doch modernisieren solle. Ein alter Verein mit jugendlicher Dynamik.

Eben dies ist das Bewundernswerte am Schwäbischen Albverein: Sein ungebrochener Elan, auch nach 125 Jahren. Er bleibt sich treu, indem er Bewährtes weiterführt; und er geht mit der Zeit, indem er sich den Herausforderungen der Gegenwart stellt. Er reagiert nicht nur, sondern agiert. Er nimmt seine Verantwortung für Mensch, Natur und Umwelt wahr, die er übernommen hat – für einen geographischen Raum, der weit über die Schwäbische Alb hinausgreift. Und er schaltet sich in Diskurse ein, auch in schwierige Kontroversen wie etwa den kaum befriedigend zu lösenden Konflikt um regenerative Energien einerseits und Windkraftanlagen andererseits.

Es ist ein enormes Spektrum an Formen des Engagements: Vom Wandern über den Natur- und Denkmalschutz und die gemeinsam mit dem Schwarzwaldverein betriebene, höchst anspruchsvolle Wanderakademie bis hin zur Kultur, zum Schwäbischen Kulturarchiv, zu Volkstanz, Mundart, Musik und Gesang – ein Bereich, um den sich Manfred Stingel hoch verdient gemacht hat. Gerne kann ich hier, wenn gewünscht, auch selber als Kulturwissenschaftler einmal etwas zur Vereinsarbeit beitragen. Denn gerade Kultur ist mehr als nur das Schöne von einst, das man vom Gestern ins Heute retten muss. Kultur ist das Heute, das es unter Einbeziehung des Gestern fürs Morgen fit zu machen gilt.

Die allergrößte Herausforderung für den Albverein und für uns alle aber wird zweifellos der demographische Wandel sein – in der Festschrift übrigens auch schon deutlich thematisiert. Unsere Gesellschaft wird älter und vor allem bunter. Schon heute haben rund 25 Prozent der Einwohner Baden-Württembergs einen Migrationshintergrund. Immer mehr Menschen bringen in ihrem Gepäck einen anderen kulturellen Baukasten mit als wir ihn haben. Und immer mehr Menschen werden künftig in zwei Kulturen gleichzeitig leben – Transkulturalität nennt man das. Dies muss für uns aber überhaupt kein Verlust, dies kann und wird auf Dauer sogar eine Bereicherung sein. Schon immer haben wir, hat auch die Alb vom Fremden und von den Fremden profitiert. Anregungen aus der Fremde haben schon vor Generationen unsere Trachten so bunt gemacht, unsere Bräuche so farbenfroh gestaltet, kurz: unser Leben interessanter gemacht. Nehmen wir einfach nur mal als Beispiel Italien. Was wäre Oberschwaben ohne die italienischen Architekten und Künstler des Barock? Wie stünde es um unsere Heizungen, wenn nicht Kaminkehrer aus dem Aostatal ihre Erfahrungen hierher transferiert hätten? Was täten wir heute ohne die beliebten Italoschwaben mit ihren Pizzerien und Eisdielen. Ja nicht einmal unsere Spätzle hätten wir ohne die Italiener, denn Spätzle kommt vom italienischen „Spezzetto“ und bedeutet: Kleingeschnittenes. Die Reihe ließe sich mit anderen Ländern fortsetzen – bis hin zur Türkei, ohne deren Einfluss zum Beispiel unsere Musikkapellen heute ganz anders klingen würden.

Wichtig ist, dass alle hier Heimat finden. Und genau da engagiert sich der Albverein enorm. Denn Heimat ist nicht und war niemals engstirnige Kirchturmpolitik. Sondern Heimat korrespondiert seit eh und ja mit der Fremde, Heimat war schon immer der Komplementärbegriff zu Welt. Nur wer die Heimat kennt, hat eine Chance, die Welt zu verstehen. Und das Gleiche gilt auch umgekehrt: Nur wer etwas von der Welt weiß, kann die Heimat schätzen. Mit anderen Worten: Um daheim anzukommen, muss man erst fort gewesen sein. Scheinbar eine Binsenweisheit, in Wirklichkeit aber Philosophie.

Und noch etwas: Heimat ist kein statischer Begriff. Heimat ist – genau wie einmal auch die Schwäbische Alb – zuallererst ein Konstrukt in unseren Köpfen. Jeder hat eine andere Vorstellung davon. Ein einfacher Versuch könnte das zu zeigen: Wenn von hundert Menschen jeder eine Landkarte vorgelegt bekäme mit der Bitte, er solle dort einkreise, was für ihn geographisch Heimat ist, so käme eine Fülle ganz verschiedener Kreise heraus. Vermutlich gäbe es so gut wie keine Kongruenzen, jede Umgrenzung sähe anders aus. Heimat ist also etwas ganz Individuelles, nichts Generalisierbares. Aber gerade daran, dass sie nicht objektiv existiert, sondern subjektiv erarbeitet werden muss, zeigt sich, dass sie formbar, gestaltbar ist, durch jeden einzelnen von uns. Und genau diese Chance müssen wir nutzen.

Jeder kann hier etwas tun, jeder kann seine Nahwelt, die nicht nur ein Ort oder ein Raum ist, sondern auch eine Gemeinschaft von Menschen, so gestalten, dass andere sich darin geborgen fühlen, dass sie sich beheimaten können. An diesem unaufhörlichen Prozess, der niemals zu Ende kommen wird, wirkt der Schwäbische Albverein seit seiner Gründung in vorbildlicher Weise mit. Dieses Ziel hat er nie aufgegeben, darum geht es ihm, den Problemen der jeweiligen Zeit entsprechend, auch heute und morgen. Was der Schwäbische Albverein tut, ist im besten Sinne das, was Ernst Bloch in seinem „Prinzip Hoffnung“ meint, wenn er vom „Umbau der Welt zur Heimat“ spricht.

Und zu diesem ehrgeizigen Unterfangen, dem Umbau der Welt zur Heimat, wünsche ich dem Schwäbischen Albverein für das nächste Vierteljahrhundert seiner Geschichte und natürlich noch weit darüber hinaus alles Gute und den gewohnten Erfolg.

 

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