Wandertipp – Unteres Buchenbachtal bei Winnenden

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Die Altstadt von Winnenden liegt auf einem flachen Höhenrücken zwischen den Talzügen des Buchenbachs und des Zipfelbachs. Es lohnt sich, den Lauf der beiden Bäche von den Quellen bis zu den Mündungen auf einer Karte anzuschauen: Der insgesamt 23 Kilometer lange Buchenbach hat ein weit verästeltes Einzugsgebiet und entspringt auf den bewaldeten Keuperhöhen der Berglen beim Königsbronnhof zwischen Allmersbach im Tal und Rudersberg. Der Zipfelbach hat seine Quelle wenig südlich von Winnenden beim Teilort Breuningsweiler. In Winnenden kommen sich die beiden ungefähr gleich viel Wasser führenden Bäche auf wenige hundert Meter nahe und streben danach auseinander: Der Zipfelbach fließt in westliche Richtung dem Neckar zu und mündet bei Poppenweiler, der Buchenbach schlägt nördliche Richtung ein und mündet zwischen Burgstetten und Kirchberg in die Murr.

Buchenbach bei Wolfsölden

In das untere Buchenbachtal soll unsere Wanderung führen; vom Bahnhof Winnenden wählt man dazu den mit Blauer Scheibe und Roter Traube markierten Württembergischen Weinwanderweg nach Leutenbach und Weiler zum Stein. Die ersten knapp fünf Kilometer durch die Wohngebiete der Ortschaften sind zugegebenermaßen von nicht allzu großem Reiz, weshalb empfohlen wird, bis zum Gollenhof mit dem Bus oder aber mit dem Auto zum Wanderparkplatz beim Abwasserklärwerk Gollenhof im Norden von Weiler zum Stein zu fahren und dem markierten Weg talabwärts zu folgen. Die empfohlene Wanderung führt von hier aus 5 km talab und dieselbe Strecke wieder zurück. Keine Bange, das ist nicht langweilig: Das Buchenbachtal ist in diesem Abschnitt von großem Reiz und bietet auf dem Hin- und Rückweg ganz unterschiedliche Eindrücke.
Ist das Tal bei Winnenden und Leutenbach eher eine flache Mulde im unteren Keuper, tieft sich der Bach ab Weiler zum Stein in den Oberen Muschelkalk ein; man sieht das Gestein am Wegesrand in mehreren alten Steinbrüchen.
Die Talformen werden, je weiter talabwärts man geht, schroffer; nahe der Mündung hat das Tal V-förmigen Querschnitt mit 60 m hohen Hängen. Der Bach windet sich in Schlingen, wie das für Bäche in Kalkgestein üblich ist.
Nach wenigen hundert Metern wird der Weiler Steinächle mit seinem schönen Laufbrunnen im Schatten einer Kastanie durchquert, danach bei der Brücke geht es scharf links in einen Wiesenweg. Eine Informationstafel und das bekannte grünumrandete Schild weisen darauf hin, dass der Wanderweg von hier ab in einem Naturschutzgebiet verläuft. Es wurde 1989 vom Regierungspräsidium Stuttgart ausgewiesen, ist rund 120 ha groß und liegt auf den Gemeindegebieten Affalterbach (Landkreis Ludwigsburg) und Burgstetten (Rems-Murr-Kreis). Die Grenzen des Schutzgebietes verlaufen in der Regel entlang der oberen Hangkanten, der Bach ist auf weite Strecken Kreisgrenze. Man sollte den Weg nicht verlassen; Hunde sind an der Leine zu führen, das Reiten ist nicht erlaubt.
Hinter jeder Biegung hat das Tal ein anderes Aussehen. Der Bach pendelt in der schmalen Aue, mal hat es rechts, mal links Platz für Wiesen. Ein durchgehender Ufersaum aus Erlen, Weiden und Eschen gliedert das Tal, die Hangwälder – vorherrschend die dem Tal den Namen gebende Buche, teils aber auch Fichte – bilden den Rahmen. Obstbaumwiesen leiten stellenweise in die Feldfluren auf der Hochfläche über. Die Vielfalt der Oberflächenformen und das Mosaik unterschiedlicher Nutzungen bestimmen den Charakter dieses schönen Tales.
Die reizvolle Idylle bedarf der Pflege und des Schutzes. Die Wiesen müssen weiter bewirtschaftet und die Wälder sorgsam gepflegt werden. Dies setzt eine intakte Land- und Forstwirtschaft voraus, aber auch die Besucher des Tales müssen »Spielregeln« einhalten: Lärm, Lagerromantik mit Zelten und Feuermachen sowie Sportausübung sind hier fehl am Platze. Das Tal ist etwas für die »stille Erholung« – wandern und mit offenen Augen Natur und Kultur genießen.
Durchsägen Bäche und Flüsse widerstandsfähige Gesteine, bilden sich Talkrümmungen, so genannte Mäander. Die Außenkurven (Prallhänge) werden vom Fließgewässer ständig steil gehalten, der Bach nagt an den felsigen Wänden. An den Innenkurven (Gleithänge) wird kaum Gestein abtransportiert, im Gegenteil: Es lagert sich sogar Schotter und Sand ab. In einem Menschenleben sieht man kaum Veränderungen, aber im Lauf von Jahrtausenden bildet sich so ein idyllisches Mäandertal. Im Buchenbachtal kann man diese Vorgänge hervorragend sehen. Entlang der Waldsäume finden sich stellenweise schmale Streifen mit Arten der Halbtrockenrasen wie Aufrechte Trespe, Echtes Labkraut, Zypressen-Wolfsmilch und Rundblättrige Glockenblume, an den magersten Stellen sogar mit der leuchtend roten Kartäusernelke. An der Bergnase gegenüber der Wolfsöldener Mühle wächst als Besonderheit im Buchenbachtal die Ästige Graslilie. Zahlreiche Vogelarten brüten im Naturschutzgebiet, zum Beispiel Rotmilan, Neuntöter, Gebirgsstelze und Wasseramsel. Wespenbussard und Eisvogel können als Durchzügler beziehungsweise Überwinterungsgäste beobachtet werden. Nur ein Wiesenweg führt talab. Unterwegs kommt man an zwei steinernen Bogenbrücken vorbei, an einer der beiden steht eine Informationstafel. Ab hier ist der Weg befestigt. 400 Meter weiter erkennt man am Waldrand eine alte Trockenmauer, bei genauem Hinschauen sogar mehrere im Hangwald. Bereits 1530 wurde hier am südexponierten so genannten »Beerlesrain« Wein auf Terrassen angebaut. Um 1880 haben Rebkrankheiten und Frostjahre dem Weinbau ein Ende bereitet; seitdem hat der Wald den damaligen Weinberg zurückerobert.
Wenige Schritte oberhalb der Wolfsöldener Mühle – das Anwesen liegt bereits vor einem – zweigt der Wanderweg »Blaue Scheibe« scharf rechts ab und führt bergauf nach Burgstetten (1,7 km zur S-Bahn-Station S 4 Backnang – Marbach). Seit 1832 wird die Mühle über einen 300 Meter langen Mühlkanal mit Wasser aus dem Buchenbach versorgt. Erst seit einigen Jahren ist der Betrieb eingestellt.
Die Markierung »Rote Traube« führt von der Mühle weiter talabwärts, zunächst befestigt, dann als Fahrspur und schließlich als Pfad durch Wiesen. Der markierte Weg biegt nach knapp 800 Metern am Waldrand scharf links ab bergauf nach Wolfsölden und Affalterbach. Empfehlenswert ist es allerdings, hier noch etwa 500 Meter geradeaus weiter auf schmalem Pfad durch ein Waldstück und in den darauf folgenden Wiesen nochmals zum Bach hinunter zu gehen. Im Abstand von 200 Metern befinden sich hier zwei weitere, besonders idyllische steinerne Bogenbrücken.
Im untersten Teil des Tales nimmt der Wald beide Talflanken ein. Teile der Laubwälder, in denen Buche und Hainbuche die Vorherrschaft haben, sind im frühen Frühling, solange noch keine Blätter die Sonne vom Boden abhalten, blumenbunt: Busch-Windröschen – allgemein Anemonen genannt – blühen hier zu Tausenden. Auch Maiglöckchen, Goldnessel, Stinkende Nieswurz, Blauroter Steinsame und hin und wieder die Breitblättrige Stendelwurz kommen vor; über 250 Pflanzenarten haben Botaniker im Naturschutzgebiet aufgenommen! Stellenweise wurden vor etwa 50 Jahren Laubwälder in Fichtenwälder umgewandelt. Der Sturm Lothar im Dezember 1999 hat vorwiegend in Fichtenbeständen große Schäden angerichtet. Seitdem wird die Rückumwandlung in naturnahe Laubwälder vorangetrieben. Wer möchte, kann dem Bach weiter folgen, der Pfad wird aber sehr beschwerlich. Nach 800 Metern erreicht man die Eisenbahnbrücke der S-Bahn S 4 Marbach – Backnang und kurz darauf die Straße Affalterbach – Burgstetten, steht dort aber ohne ansprechenden weiteren Weg auf der Straße. Empfehlenswert ist eher – und Autofahrern bleibt sowieso nichts anderes übrig – denselben Weg wieder zurückzugehen. Die landschaftlichen Eindrücke sind dabei ganz anders, langweilig wird es bestimmt nicht.

Das untere Buchenbachtal ist für Exkursionen und Lehrwanderungen bestens geeignet: Schon die auf die Geologie zurückzuführenden Unterschiede der Talformen oberhalb und unterhalb Leutenbach sind interessant. Kaum irgendwo lässt sich die Vielfalt der Landschaftsformen (Prallhänge, Gleithänge), der mäandrierende Bach mit Anrissen und Geröll- und Sandablagerungen oder die je nach Exposition unterschiedliche Baumartenzusammensetzung der Wälder besser veranschaulichen als hier. Auch die Überprägung durch den Menschen wird deutlich: Alte Steinbrüche, steinerne Bogenbrücken, ehemalige Weinbergterrassen, die nur noch durch Zuschüsse aufrecht zu erhaltende Wiesennutzung – das Buchenbachtal bietet viel Anschauungsmaterial für aufmerksame Wanderer!

Reinhard Wolf

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