Naturkundlich-literarische Wanderung mit der S 60

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NSG Hinteres SommerhofentalVon Sindelfingen nach Renningen

Dass man am Rande eines Verdichtungsraums, von einem Bahnhof aus, durch eine Stadt, ihre randlichen Parkanlagen hinaus in den Wald, in Täler und Naturschutzgebiete wandern, sich dabei noch naturkundlich, landesgeschichtlich und literarisch bilden kann, möge diese Wanderung (15 km) von Sindelfingen über Warmbronn nach Renningen beweisen.
Wir verlassen die S-Bahn am Bahnhof Sindelfingen, einem schmucken Bau von 1915, mit Krüppelwalmdach, klassizistischen und Jugendstilelementen, seit 14. Juni 2010 Halt der S-Bahn S 60 von Böblingen nach Maichingen, die seit 8. Dezember 2012 bis Renningen und weiter nach Stuttgart fährt. Sie verläuft auf der Nebenbahnstrecke Böblingen – Renningen, auch Rankbachbahn genannt, die als Verbindung zwischen Gäubahn und Württ. Schwarzwaldbahn 1914 fertiggestellt wurde.
Gegenüber führt uns die Mercedesstraße zunächst durch den modernen Teil des 1263 durch Graf Rudolf von Tübingen gegründeten Sindelfingen, vorbei am Busbahnhof, in die historische Altstadt mit zahlreichen alten Fachwerkhäusern. Durch »Untere Vorstadt«, über den »Wettbachplatz« geht es nach rechts in die Lange Straße, die ehemalige Hauptstraße, die vom einstigen »Unteren Tor« – Lage erkenntlich am roten Kopfsteinpflaster – , vorbei an schmucken Fachwerkhäusern (Altes Rathaus von 1478, Salzhaus von 1592, ein großartiges Fachwerk-Ensemble, das bis 1845 als Rathaus diente und heute Stadtmuseum ist, Lange Str. 13, Tel. 0 70 31 / 9 43 57, Öffnungszeiten: Di – Sa 15 – 18 Uhr, So, Fei 10 – 12 Uhr, 14 – 17 Uhr) an die ehemalige Stadtmauer zum einstigen »Oberen Tor« führt – beide Tore gibt es nicht mehr. Am Schaffhausen Platz ist der größte Rest der Stadtmauer sichtbar. Gegenüber der Ziegelstraße liegen die Gebäude des einstigen Chorherrenstifts, um 1050 von Graf Adalbert II. von Calw zunächst als benediktinisches Doppelkloster gegründet, im 15. Jahrhundert eines der wohlhabendsten Stifte in Württemberg.
Die Martinskirche, eine der besterhaltenen frühen Kirchen im Land, Baubeginn um 1050, fertiggestellt 1133 (Chor mit drei Apsiden, frühgotische Sakristei, ursprünglich campanileartig freistehender Turm), war Mittelpunkt des Chorherrenstifts, das 1477 von Graf Eberhard im Bart nach Tübingen zur Gründung der dortigen Universität verlegt wurde. (www.martinskirche-sindelfingen.de). Sindelfingen war im 19. Jahrhundert Zentrum der Handweberei. In der städtischen Webschule wurde der Nachwuchs ausgebildet. Heute ist hier das Museum zur Sindelfinger Webereigeschichte (Alte Webschule, Corbeil-Essonnes-Platz 4, Tel.: 0 70 31 / 9 43 57, Öffnungszeiten Fr – Sa 15 – 18 Uhr, So, Fei 15 – 18 Uhr, www.tourismus-sindelfingen.de) .
Der heutige Corbeil-Essonnes-Platz, zwischen Stiftsbezirk und Altstadt gelegen, war früher der Marktplatz. Der Marktbrunnen, der sog. »Schwätzweiberbrunnen« erhielt sein Wasser durch eine über 3 km lange Teuchel-Leitung aus dem hinteren Sommerhofental.
Östlich der Martinskirche geht es die Stiftsstraße hinunter zum Klostersee, ein ehemaliger Mühlsee, der aber nie zum Kloster gehört hatte, gespeist vom Sommerhofenbach. Parallel zur Seestraße führt ein Weg entlang des Sees durch den Sommerhofenpark, das Gelände der Landesgartenschau von 1990. Links vom Weg beim Springbrunnenbereich sieht man noch einen Teil des oben genannten »Teuchels«.
Wir überqueren die Hohenzollernstraße. Am Rande des Wohngebiets Eschenried erreichen wir das Wiesental des Sommerhofenbachs, das mit 22,0 ha seit 1997 als Naturschutzgebiet »Hinteres Sommerhofental« geschützt ist. Sumpf- und Bruchwälder sowie die Aue des Sommerhofenbachs sollen als Lebensraum für seltene Pflanzen- und Tierarten erhalten werden und liegt im Blick der EU als FFH-Gebiet.
Beim Sternbergweg biegen wir nach links auf einen Pfad in den Wald – der Wilhelm-Ganzhorn-Weg ist erreicht. Dieser städtische Wanderweg ist nach dem unvergessenen württembergischen Juristen und Dichter Wilhelm Ganzhorn (1818-1880) benannt, der auf dem Böblinger Schloss zur Welt kam – sein Vater war dort Schlossvogt – und dort die ersten fünf Lebensjahre verbrachte. Anschließend lebte er ein Jahrzehnt in Sindelfingen und besuchte später die Stadt immer wieder. Von hunderten seiner lyrischen Gedichte und historischen Balladen ist »Im schönsten Wiesengrunde – Dich, mein stilles Tal, grüß ich tausendmal!« das bekannteste.
Der Wilhelm-Ganzhorn-Weg führt von hier immer im Wald und doch unmittelbar am Rande der Sindelfinger Stadtteile Eschenried, Spitzholz und Eichholz, über den Stuttgarter Weg beim Waldheim Haus Sommerhofental zur Landesstraße 1188, die wir überqueren. Wir haben den Wilhelm-Ganzhorn-Weg verlassen, kommen an der Jugendfarm (re.) vorbei, biegen nach rechts auf einen Forstweg. Am Wasserbehälter geht es nach links bis zur Kreisstraße K 1065, die wir queren. Durch den Wald leicht bergab gelangen wir in das Tal des Rankbachs (Hölzertal). Am Talrand links ein Gedenkstein. Es ist der »Filben-Michele-Stein«, der an den Waldschütz zu Magstadt Joh. Michael Ruof erinnert, der hier am 27. 2. 1852 an einem Stick- und Schlaganfall gestorben ist.
Die Aue des Rankbachs mit ihren Wiesen, Feucht- und Nasswiesen ist als Naturschutzgebiet »Oberes Hölzertal« geschützt. Es ist 28,8 ha groß, wurde 1990 verordnet und dient der Erhaltung seiner Schilf- und Seggenbestände, Hochstaudenfluren, Nasswiesen und Auegehölze. Es ist ebenfalls FFH-Gebiet. Hier besteht die Möglichkeit, abzukürzen und nach Magstadt zum S-Bahnhof zu wandern. Wir überqueren den Rankbach und die Landesstraße L 1184. Am Straßenrand weist ein Albvereins-Wegezeichen nach Warmbronn (blauer Punkt, 2,8 km). Ein Forstweg – wir bleiben leicht links – führt langsam bergan durch den Magstadter Wald. An einer Wegekreuzung nehmen wir den markierten mittleren Erdweg. Vorbei an mächtigen Douglasien, Tannen, am Naturdenkmal Ernst-Bissinger-Eichen, geht es auf dem »Gradwegle«, vorbei am Schützenhaus (li.) hinaus aus dem Wald auf die Wiesen, Obstwiesen und Felder oberhalb von Warmbronn. Der Weg führt an der zweiten Station des Christian-Wagner-Dichterpfades zur Magstadter Straße und direkt in die Ortsmitte, gleich links um die Ecke liegt das Geburtshaus von Christian Wagner. In diesem kleinen, schönen Fachwerkhaus lebte von 1835 bis 1918 der »Bauer und Dichter«. Heute ist darin die Christian-Wagner-Gedenkstätte eingerichtet. Der Christian-Wagner-Dichterpfad mit 11 Stationen führt um den Ort auf den Spuren seiner »Sonntagsgänge«. Die Christian-Wagner-Gesellschaft e.V . kümmert sich um das dichterische Werk (Auskünfte, Führungen: Kulturamt Leonberg 0 71 52 / 9 90 14 22 Telefon: 0 71 52 / 94 90 94, www.cw-gesellschaft.de )

 

Wiesenblumen

Wandrer stehe! Kennt dein harter Sinn
Kein Erbarmen mit den holden Kleinen?
Blicke tiefer in ihr Auge hin,
Und die Ihren blicken in die deinen.

Und ist nicht dein Fuß wie festgebannt
Wann sich bittend ihre Häupter regen?
Wandrer stehe! Dieß ist heilges Land!
Wandrer kehre! Geh auf andern Wegen!

Nach der Besichtigung der Christian-Wagner-Gedenkstätte kann die Wanderung hier beendet werden – der Bus bringt einen zur S-Bahn nach Leonberg. Wir gehen auf der Hauptstraße, vorbei an Täufer-Johannes-Kirche und Pfarrhaus bis zur Brücke über den Maisgraben-Bach, an dieser immer am rechten Ufer entlang Richtung Renningen. Es geht durch das weite Tal des in den 1990er Jahren renaturierten Maisgrabens, in der Ferne ist bereits der Kirchturm von Renningen zu sehen.

Etwa 1 km vor Renningen bietet sich eine Rastmöglichkeit in einem Vereinsheim. Nach Überquerung der B 295 auf einer Brücke erreichen wir die ersten Häuser der jungen Stadt (seit 1982). Hier bieten sich zwei Möglichkeiten an, die S-Bahn zu erreichen: 1. Geradeaus durch Stöckachstraße, rechts zur Zimmeräckerstraße, vor bis zur Lindenstraße und auf dieser nach links zur Bahnhofstraße, nach rechts zum Bahnhof; oder 2. auf Meisenweg, Wilhelmstraße, Leonbergerstraße, Haupt- und Weil der Städter Straße zum S-Bahn-Haltepunkt Renningen-West. Sehenswert sind die im Kern spätromanische evangelische Pfarrkirche mit vollständig umgebauter Chorturmanlage und frühgotischem Kreuzrippengewölbe im Chor, das Rathaus von 1590, einige schöne Fachwerkhäuser sowie die Reste der alten Dorfmauer. Ein Archäologisches Museum befindet sich im Realschulgebäude, Rankbachstr. 40, 71272 Renningen, Telefon: Mathias Graner 0 71 59 / 9 24-7 87.

Literatur: Der Wandervorschlag stammt aus dem Buch: Bahnausflüge zwischen Neckar und Tauber von Hans Mattern, Jürgen Schedler u. Manfred Steinmetz, Schwäb. Albverein / Theiss-Verlag, Stuttgart 2000, aus einer Zeit, als die S-Bahn S 60 noch in weiter Ferne war! Dennoch bleibt es aktuell mit seinen Wanderstrecken.

Dr. Jürgen Schedler

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