Kleindenkmale am Wegesrand

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Pfauenbergsteige

Wer aus einem Urlaub heim kommt, wird den Daheimgebliebenen von Bergen, Flüssen, Schlössern, Burgen und Städten erzählen, aber nichts von Markungsgrenzsteinen, Feldkreuzen oder steinernen Ruhebänken. Doch wiewohl sie wenig öffentlichkeitswirksame Beachtung finden, prägen Kleindenkmale den Charakter einer Landschaft – oder eben auch nicht, wo es keine gibt. Seien es nun in Oberschwaben und im Allgäu die vielen Feldkreuze, seien es im Tauber- und Bauland – von Touristikern genannt das »Madonnenländchen« – die zahlreichen Bildstöcke, oder aber seien es schlichte steinerne uralte Sühnekreuze, steinerne oder gusseiserne Brunnen, Gedenksteine aller Art oder Wengertschützenunterstände, sie alle gehören zum »Inventar« einer Landschaft und prägen deren Charakter. Zusammen mit anderen Faktoren tragen sie zum Gesamterscheinungsbild einer Gegend bei und bestimmen, ob uns diese unbewusst gefällt oder ob wir sie eher langweilig finden.

Baden-Württemberg ist reich an Kleindenkmalen. Lange Zeit wurde das als selbstverständlich angesehen; öffentliches Interesse war rar. Schmerzliche Verluste bei Straßenverbreiterungen und anderen Baumaßnahmen, Beschädigungen und vor allem Beeinträchtigungen durch den »Zahn der Zeit« brachten mit sich, dass man sich heute der verbliebenen Objekte verstärkt erinnert.

Landesweite Dokumentation
Die Palette der Aktivitäten reicht von der Dokumentation bis hin zu Betreuungs-Patenschaften und Renovierungen. Ausgehend von einer Initiative des Schwäbischen Heimatbundes 1998, welcher der Schwäbische Albverein und andere Verbände schnell beigetreten sind, werden seither Zug um Zug in einer bundesweit einmaligen Aktion Landkreis für Landkreis Kleindenkmale »inventarisiert«.
Seit 2006 hat das Landesamt für Denkmalpflege dankenswerterweise die Federführung und Koordination übernommen. Martina Blaschka, landesweite Koordinatorin seit 2001, ist längst zu einer »Institution« geworden und vielen, die mitmachen, persönlich bekannt. Rund 2000 Ehrenamtliche bringen die Aktion in beispielhafter Kooperation zwischen Landesdenkmalpflege, Landkreisen und Verbänden voran. Der Stand des Vorhabens ist aus der Übersichtskarte Seite 10 ersichtlich.
Allmählich wird absehbar, dass es gelingen wird, das Land Baden-Württemberg vollständig zu dokumentieren. Erste Schätzungen gehen von einer Gesamtzahl von etwa 200.000 Objekten aus – »einfache« Markungsgrenzsteine ohne Wappen und Inschrift gar nicht einbezogen.

Gruhen im Neckarland

Wir wollen uns heute einer Kategorie von Kleindenkmalen widmen, die es fast ausschließlich im mittleren Neckarland gibt, den so genannten »Gruhen«. Weil das Wort »Ruhebank« einem Schwaben schwer über die Lippen geht, sagt er zu einer Absetz- und Ruhebank seit altersher »Gruhe«, herrührend vom schwäbischen »ausgruha« oder »ausgruba« = ausruhen. Sie standen, gefertigt aus Holz oder Stein, zuhauf an Weg- und Straßenrändern und zwar an Stellen, wo man schwere Lasten abstellen und sich setzen und ausruhen wollte. Der höhere Teil der Gruhe neben der Sitzbank war zum Absetzen der Kopf- oder Rückenlast gedacht, von wo aus man den Korb, das Bündel Brennholz oder das Tuch mit Gras für die Stallhasen ohne fremde Hilfe wieder aufnehmen konnte. In halber Höhe oder oben an Steigen, an Wegkreuzungen oder -abzweigungen hat man sie gebaut, meist an Stellen, wo man den Weg in beide Richtungen ein Stück weit überblicken und sich auch mit jemand treffen und ein Schwätzchen halten konnte. Gebaut wurden die meisten, soweit man weiß, im 18. und frühen 19. Jahrhundert.
Alte Karten zeigen oft die Eintragung »Rhb.« = Ruhebank, und ein Vergleich mit heute zeigt deutlich, dass es noch um 1900 zum Zeitpunkt der Herstellung der Erstausgaben der Karten die mehrfache Anzahl der heute verbliebenen gegeben haben muss. 210 derartiger steinerner Möbel sind dem Verfasser im Lauf der Jahre bekannt geworden, neben knapp 100 original überkommenen Gruhen befinden sich auch mehr oder weniger fachkundig restaurierte und auch neue, »nachgemachte«, wobei da die Palette von »sehr gut« bis »misslungen« reicht.
Schauen wir uns zunächst drei Beispiele bei Esslingen an, die sich als Ziele für Spaziergänge oder Wanderungen eignen. Ein besonders stattliches Exemplar steht unweit des Stadtrandes am gepflasterten Neckarhaldenweg von der Frauenkirche hinauf in die Weinberge. Stark verwittert, aber noch stabil, steht sie unübersehbar am Wegesrand. Eine ähnlich stattliche Gruhe, ebenfalls renovierungsbedürftig, steht an der Pfauenbergsteige / Alten Steige vom Stadtteil Kennenburg hinauf zum Jägerhaus. Die einst bedeutsame und durch eine kurvenreiche Straße abgelöste alte Steige von der Innenstadt übers Jägerhaus in Richtung Schurwald ist heute ein zwar steiler, aber schöner, streckenweise gepflasterter Wanderweg. Und schließlich steht oben am Jägerhaus, wo man die Steige hinter sich hatte, auf der anderen Straßenseite eine weitere Gruhe; im Sturz ist die Jahreszahl 1847, sicher das Jahr der Erbauung, eingemeißelt. Nach mehrfachem Umbau hat sie zwar eine Sitzbank eingebüßt, aber immerhin blieb sie als Geschichtszeugnis erhalten. Im Süden von Weinstadt-Endersbach stehen unsere nächsten drei Beispiele, die sich – ausgehend vom Parkplatz beim Friedhof – auf einem Spaziergang erkunden lassen: An der Traubenstraße bzw. Alten Strümpfelbacher Straße steht am Ortsrand zu Beginn eines asphaltierten Hohlweges an der Böschung eine mächtige Gruhe. Einst, vor dem Bau der Wohnsiedlungen, dehnten sich hier Felder. Hier muss der Bedarf zum Abstellen von Lasten besonders groß gewesen sein. Oberhalb des Hohlweges im freien Feld steht eine kleinere, erneuerte Gruhe. In Sichtweite, jedoch weiter östlich am Wasserbehälter an der Weinbergstraße, befindet sich die dritte Gruhe. Statt einer steinernen Sitzbank wurde hier eine neue hölzerne Bank aufgestellt, die unzweifelhaft bequemer ist als die alte (siehe Titelbild). Schließlich soll noch eine Gruhe Erwähnung finden, die vielleicht die bekannteste von allen war und ist, deren Nachbau aber hoffnungslos misslungen ist: Die U-Bahn-Haltestelle »Ruhbank« unweit des Stuttgarter Fernsehturms hat sogar ihren Namen nach einer solchen alten, längst verschwundenen Bank. Der Verkehrsknotenpunkt ist im Lauf der Jahre oft umgebaut worden. Die »Gruhe«, die im Jahr 2000 aus gesägten Sandsteinen erbaut und zwischenzeitlich zweimal versetzt und gründlich umgebaut worden ist, ähnelt eher einem Kunstwerk, dem man den ursprünglichen Sinn kaum mehr ansieht. Besonders idyllisch ist die Umgebung nicht, als Ausgangspunkt für Wanderungen oder Radfahrten in die Stuttgarter Wälder eignet sich die Haltestelle allerdings bestens. Die wenigen Beispiele sollen zeigen, dass Kleindenkmale mehr sind als »alter Krempel«: Es sind liebenswerte Geschichtszeugnisse am Wegesrand, Ziele von Spaziergängen und Orientierungspunkte bei Wanderungen. Sie gehören zu einer abwechslungsreichen Landschaft, wie wir sie schätzen, und geben ihr ein Gesicht. So selbstverständlich wir ihr Vorhandensein auch nehmen, so bedürfen sie doch der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit – und damit auch von uns als Mitgliedern eines Wander- und Heimatvereins!
Reinhard Wolf

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