Eine Wanderung in die Schwäbische Toskana

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Limburg

Mitten hinein ins Vogelschutzgebiet

Eine Säule des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000 sind die Schutzgebiete für gefährdete Vogelarten. Sie wurden bereits 1979 von der Europäischen Union erlassen. Die zweite Säule sind die Fauna-Flora-Habitate (FFH-Gebiete), die ab 1992 hinzukamen. Jedes Land musste der EU Lebensräume melden, wo bestimmte Vogelarten vorkommen, die europaweit von Bedeutung sind. Bei den FFH-Gebieten geht es um weitere Arten und Biotope von gefährdeter Natur. In größeren Vogelschutzgebieten sind natürlich auch viele Natura 2000-Gebiete integriert mit zahlreichen Lebensraumtypen. Um diese Lebensräume in ihrer gegenwärtigen Wertigkeit zu erhalten, wurden Managementpläne erstellt, die ihre Pflege sicherstellen. Im Grunde ändert sich in der Bewirtschaftungsweise nicht viel. Es muss nur sichergestellt werden, dass keine Verschlechterung der ökologischen Situation eintritt. Um der vorzubeugen, sind für Vogelschutzgebiete alle drei Jahre und für die FFH-Gebiete alle sechs Jahre Zustandsmeldungen an die EU vorgeschrieben.
Bei weiterhin extensiver Landnutzung sind für etwaige Erschwernisse Förderungen vorgesehen.

Im Vogelschutzgebiet Vorland der Mittleren Schwäbischen Alb geht es vor allem um Vogelarten wie Halsbandschnäpper, Grauammer, Rotkopfwürger, Wiedehopf, Grauspecht, Wendehals, Wespenbussard und Rotmilan, die bei uns in den Streuobstgebieten ihre Hauptverbreitung haben. Auf unserer Wanderung werden wir natürlich nicht all diesen Arten begegnen. Denn das ganze Schutzgebiet hat eine Ausdehnung von Metzingen über Weilheim bis kurz vor Göppingen mit einer Größe von 17.000 ha.
Diese Wanderung kann deshalb auch nur einen kleinen Ausschnitt vermitteln, aber sie führt mitten hinein in eine reich strukturierte Kulturlandschaft. Den besten Überblick gewinnt man vom Aichelberg herunter mit Blick auf das Vorland der Alb links der Autobahn.

Die Wanderung

Die Wandertour ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln konzipiert. Ausgangspunkt ist der Bahnhof Kirchheim / Teck, der mit der S-Bahn-Linie 1 erreicht wird. Die Wanderstrecke verläuft von Kirchheim / Teck an Nabern vorbei, über den Egelsberg nach Weilheim / Teck. Empfohlen wird aber, zum Startpunkt der Wanderung noch die Bus-Linie 165 bis zur Haltesstelle Bohnau zu benutzen. Abfahrt direkt am Bahnhof. Damit erspart man sich den Gang durch die Stadt und ist gleich auf dem Albvereins-Wanderweg »Blaues Dreieck« in Richtung Nabern. Nach der Überquerung der Brücke über die A8 ist man dann in freier Natur. Beim ersten Feldweg rechts verlassen wir vorübergehend den Wanderweg und begeben und durch die Obstwiesen auf den Hungerberg. Von hier aus bietet sich zum ersten Mal ein überwältigender Ausblick auf den Albtrauf mit Hohen Neuffen, Teck und Breitenstein. In dem Streuobstwiesengebiet sind neben anderen Vögeln der Gartenrotschwanz und der Grünspecht zuhause. Der Rotmilan beherrscht den Luftraum über der Landschaft. Die blaue Mauer des Albtraufs zeigt sich hier aufgelöst in zahlreiche Bergvorsprünge, Einbuchtungen und Bacheinschnitte. Am Fuße des Traufs ziehen sich girlandenartig auf braunem Jura, der sonst ackerbaulich wenig ergiebig ist, riesige Obsthaine dahin. Ein Vergleich mit den Olivenhainen der Toskana ist nicht abwegig. Auf gleichem Weg geht es wieder zurück auf den Wanderweg und ein Stück in Richtung Nabern. Doch bei nächster Gelegenheit verlassen wir den bezeichneten Weg links ab über den Gießnaubach, vorbei an einem neuen landwirtschaftlichen Gebäude, wieder an Obstwiesen vorbei ins Gewann Goldmorgen bis zum nord-süd verlaufenden Feldweg. Auf diesem bis zum nördlichen Ortsrand von Nabern. In dem uns begleitenden großflächigen Hochstamm-Obstgebiet sind zur Brutzeit Wendehals und Halsbandschnäpper anzutreffen. Nun geht es am Ortsrand links zur Verbindungsstraße Jesingen – Nabern. Auf dieser bis kurz vor dem Friedhof links zu einem Hofladen. In kleinen Gattern wird immer wieder Jungvieh gehalten.
Auf dem Weiterweg ist nun schon in östlicher Richtung die kleine Waldinsel des Auchtertwaldes zu sehen. Wir gehen am westlichen Waldrand entlang, an der Jagdhütte vorbei zum Windbach. Aus dem Waldesinneren ertönen nun ganz andere Stimmen. Neben den reinen Waldvögeln bringen sich auch Grauspecht und Hohltaube zu Gehör. Nach der Überquerung des Windbaches kurz nach der Waldspitze setzen wir unsere Wanderung in östlicher Richtung fort und gehen an Sportanlagen vorbei zum steilen Aufstieg des Egelberges, dem Katzensteigle.
Auf diesem Vulkanberg empfängt uns eine grandiose Aussicht. Die Sicht geht in alle Richtungen: Nach Nordosten zu den Kaiserbergen, nach Osten über Weilheim hinweg zum Albrand mit Erkenberg, Turmberg und Bosler, nach Südosten zum Vulkankegel der Limburg, nach Süden zu Breitenstein und Teck, nach Westen zu den Fildern und nach Norden über das Filstal hinweg zum Schurwald. Auf der freien Kuppe des Egelsberges zeigt sich der schwarze Vulkanboden, der dem Halbtrockenrasen die Wärme speichert.
Ein besonderes Erlebnis erwartet uns im Frühsommer, wenn uns etliche Schwalbenschwänze ihre Paarungsflüge vorführen. In stürmischem Flug geht es an warmen Tagen immer um den Berg herum, bis endlich ein Partner erhascht wurde. Die Bänke hier oben laden dazu ein, das Rucksackvesper einzunehmen. Auf gleichem Weg geht es wieder herab vom Berg. In Verlängerung des Katzensteigle-Naturpfades nun auf der gleichnamigen Teerstraße bis zur kreuzenden Egelsbergstraße im Weilheimer Neubaugebiet. Gleich rechter Hand befindet sich die Haltestelle ortsauswärts der Buslinie 174. Im Stundentakt bringt sie uns wieder zurück an den Bahnhof in Kirchheim.
Diese naturkundliche Wanderung kann zu jeder Jahreszeit durchgeführt werden. Am schönsten ist es natürlich zur Blütezeit der Obstbäume. Sie gibt eine Antwort auf die Frage, warum es der EU und den Naturschutzbehörden im Lande daran gelegen ist, großflächig Lebensräume für gefährdete Pflanzen und Tiere und letztlich auch für den Menschen zu sichern.

Wanderzeit: 3,0 Stunden, längere Naturbeobachtungen nicht eingerechnet. Strecke meist eben.
Wanderkarte: L 7322 Göppingen, 1:50.000
Literatur: Veröffentlichungen der LUBW: Im Porträt – die Arten der EU-Vogelschutz-Richtlinie; Im Porträt – die Arten und Lebensraumtypen der FFH-Richtlinie

Kurt Heinz Lessig, Hauptnaturschutzwart Nord

 

Naturkundlich-literarische Wanderung mit der S 60Kleindenkmale am Wegesrand