WanderTIPP Venusberg bei Aidlingen

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In eine typische Heckengäulandschaft soll unsere Wanderung führen: auf den Venusberg bei Aidlingen im Landkreis Böblingen. Die jahrhundertelange Bewirtschaftung durch den Menschen spiegelt sich dort in der Landschaft eindrücklich wider und erfuhr bis in jüngere Zeit kaum eine Veränderung.
Das Naturschutzgebiet Venusberg erstreckt sich über 115 ha und ist in mehrere Teilflächen unterteilt. Es befindet sich im Naturraum »Oberes Gäu«, das wohl besser unter dem Namen Hecken- und Schlehengäu bekannt ist. Die zahlreichen charakteristischen Hecken aus Schlehen, Weißdorn, Hasel und Wildrosen haben der Landschaft diesen Namen gegeben. Den Untergrund bildet der verkarstete und zerklüftete Muschelkalk, der vor allem an den Hängen und auf den landschaftstypischen Kuppen für die kargen, steinigen und schnell austrocknenden Böden verantwortlich ist.

Diese schlechten Böden erschwerten dort seit jeher die Arbeit der Landwirte; nichtsdestotrotz wurde mindestens seit dem Frühmittelalter jedes Fleckchen Erde genutzt. Die Bauern praktizierten die Dreifelderwirtschaft; dabei wurden die Flächen abwechselnd als Weide und Acker genutzt oder lagen brach. Die Flur war in kleine Parzellen unterteilt, abgetrennt durch Heckenstreifen. Diese Hecken hatten unterschiedliche Funktionen: Sie trennten die Äcker von den Weiden und schützten den Boden vor Erosion durch Wind und Wasser; darüber hinaus wurden sie als Brennholzlieferant genutzt und boten verschiedene Beeren und Nüsse zum Sammeln.

Der Ackerbau war mit viel Aufwand und Arbeit verbunden. Durch Frost und Nässe, vor allem aber bei der Arbeit mit dem Pflug tauchten immer wieder Muschelkalkbrocken aus dem Untergrund an der Ackeroberfläche auf. Diese mussten in mühsamer Arbeit von den Äckern getragen werden. So entstanden im Laufe der Zeit die so genannten Steinriegel an den Parzellengrenzen.

Die lange Weidenutzung und die kargen Böden führten zum klassischen Artenspektrum der Wacholderheiden. Die Schafe mieden stachelige und bitter schmeckende Pflanzen, beispielsweise Wolfsmilch-, Enziangewächse und Wacholder, die sich dadurch ausbreiten konnten. Der Wacholder galt als »Weideunkraut« und wurde von den Schäfern mit der Schippe im Keimstadium regelmäßig ausgestochen. Das ist lange her; heute müssen Wacholder, Kiefern, Schlehen und Haselnuss mit der Motorsäge reduziert werden, damit die Weiden offen bleiben.

Beim Durchwandern des Naturschutzgebietes kann man als Ergebnis der beschriebenen historischen Nutzung ein bezauberndes Mosaik aus Hecken, Steinriegeln, Wiesen, Wacholderheiden und einzelnen Äckern bewundern. Einzig die um 1900 auf den Brachflächen aufgeforsteten eng stehenden Kiefern veränderten das alte Landschaftsbild.
Doch nicht nur aus kulturhistorischer Sicht lohnt sich die Wanderung am Venusberg. Denn dieses kleinräumige Mosaik bietet Lebensraum für zahlreiche selten gewordene Pflanzen und Tiere: Ackerwildkräuter bereichern die Felder; Enzian, die geschützte Küchenschelle sowie verschiedene Orchideenarten können auf den sonst recht artenarm scheinenden Wacholderheiden entdeckt werden. Die Hecken bieten Nahrung, Brutstätte und Ansitzwarte für viele Vogelarten (z. B. die Goldammer oder den Neuntöter), und durch die reich gegliederten Strukturen sind auch zahlreiche Schmetterlingsarten wie beispielsweise der Schwalbenschwanz und verschiedene Bläulingsarten dort heimisch. Diese Artenvielfalt entstand erst durch die Gestaltung der Landschaft durch den Menschen. So sind Naturschutz und Kulturlandschaftsschutz in diesem Fall sehr eng miteinander verzahnt. Die weitere Bewirtschaftung und Pflege der Fläche ist daher zwingend notwendig. Seit 1975 hat die Gemeinde Aidlingen immer wieder Pflegemaßnahmen durchgeführt. Auch das Regierungspräsidium Stuttgart veranlasst und unterstützt verschiedene Arbeiten im Naturschutzgebiet: Die Reduzierung der Kiefern und die Verjüngung der Hecken sind zu Daueraufgaben geworden. Besonders bedeutsam ist die Arbeit des Leonberger Schäfers Reinhold Weiß, der mit seiner Herde die großflächigen Wacholderheiden des Naturschutzgebiets beweidet. Durch die Beweidung mit Schafen können die Heideflächen optimal gepflegt und offen gehalten werden. Im Jahr 1987 wurde daher von der Gemeinde Aidlingen, bezuschusst durch das Regierungspräsidium Stuttgart, ein Sommerschafstall gebaut.

Ebenfalls wichtig zum Erhalt der kleinräumigen, offenen Landschaft ist die gezielte Förderung der Landwirtschaft, um eine weitere extensive Nutzung der Fläche zu gewährleisten. Ein Aufgeben der landwirtschaftlichen Nutzung würde zur schnellen Verbuschung und Wiederbewaldung führen. In dieser Hinsicht allerdings sind ungute Entwicklungen zu beobachten: Die seither reich blühenden Wiesen werden offensichtlich mit Dünger und Gärresten aus Biogasanlagen überfrachtet, verlieren ihre Artenvielfalt und werden zunehmend zu »Grasäckern«. Diesem Trend muss zumindest im Naturschutzgebiet Einhalt geboten werden!

Wie kommt man hin?

Man erreicht das NSG Venusberg entweder von Lehenweiler aus oder von Aidlingen kommend durch das Kirchtal. Wanderparkplätze sind jeweils ausgeschildert. Mehrere gekennzeichnete Wege laden zu Spaziergängen ein, und von der Hochfläche des Venusbergs bietet sich ein schöner Blick auf die Umgebung. Verhaltenshinweise, die im Naturschutzgebiet zu beachten sind, findet man ebenfalls an den Parkplätzen. Denn neben der Pflege des Naturschutzgebietes ist die Rücksichtnahme der Besucher besonders wichtig! Auf das Verbot, Hunde frei laufen zu lassen, sei besonders hingewiesen.

Martina Steinmetz (Text und Bild)

Mehr Infos: Faltblatt »Naturschutzgebiet Venusberg«, herausgegeben vom Regierungspräsidium Stuttgart; erhältlich über die Homepage der LUBW (auch als Download), (www.lubw.baden-wuerttemberg.de). Die Naturschutzgebiete im Regierungsbezirk Stuttgart, 2. Auflage 2007, Thorbecke Verlag.

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